Im Juni 2018 – Santosh ein engagierter Bike-Leiter – seine nicht alltägliche Lebensgeschichte

SANTOSH

 

Dies ist die Geschichte von Santosh, einem jungen Mann, der durch Himalayanlife von der Straße weg gekommen ist und der heute für Himalayanlife arbeitet.

Wie so viele der Straßenjungen ist auch seine Geschichte gezeichnet von einem zerbrochenen Elternhaus, die Flucht auf die Straße, Drogenkonsum, Gangstrukturen und Kriminalität. Doch Santosh’s Geschichte endet nicht in der Hoffnungslosigkeit eines Lebens auf der Straße…

 

Mein Name ist Santosh. Ich bin 20 Jahre alt. Geboren bin ich in Ghandruk, einem Trecking-Gebiet in Nepal.

Mein Vater setze sich nach Indian ab, direkt nach meiner Geburt. Kurz danach ging auch meine Mutter. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen. Ich durfte zur Schule gehen. Als einige Jahre später mein Großvater starb, zogen meine Großmutter und ich von Ort zu Ort. Die ständigen Schulwechsel machten es mir schwer zu lernen oder Freundschaften aufzubauen. Als meine Großmutter sich zu alt fühlte um sich um mich zu kümmern und meine Mutter die Verantwortung für mich auch nicht übernehmen wollte, zog ich für einige Zeit zu einem Onkel. Tagsüber durfte ich weiterhin zur Schule gehen, aber nebenher musste ich bis spät in die Nacht für ihn arbeiten. Zu meinen Aufgaben gehörte es, Grass zu schneiden, Holz zu hacken und auf die Büffel aufzupassen. Mein Onkel war Alkoholiker, der den Tag mit trinken und Karten spielen verbrachte. Wenn er nach Hause kam war er gewalttätig und schlug mich.

Eines Tages tauchte mein Vater auf um mich mit nach Indien zu nehmen, doch ich hatte so viele schlechte Dinge über Indien gehört, dass ich nicht den Mut hatte mich ihm anzuschließen. Dennoch entschloss ich mich meinem Onkel davon zu laufen, was mir nach einigen Versuchen auch gelang. Ich traf auf eine Gruppe von Maoisten (eine politische Partei, die 1996 einen Bürgerkrieg gegen die Regierung und ihre Truppen angezettelt hat, der bis 2006 angehalten hat) und schloss mich ihnen an. Auf der einen Seite machten die Maoisten mit ihrer Gewalttätigkeit und den Kämpfen gegen die Polizei auf Leben und Tod mir Angst. Auf der anderen Seite war ich fasziniert von ihren Waffen. Sie brachten mir bei wie man kämpft, ein Khukuri (traditionelles Nepali Kampfmesser) und Pistolen benutzt.  Doch nach einigen Monaten rannte ich fort nach Pokhara. Dort fing mein Leben auf der Straße an.

Ich bettelte, lernte wie man raucht und Leim inhaliert. Später traf ich andere Jungen und brachte ihnen bei wie man raucht und Leim inhaliert. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits hochgradig abhängig vom Leim. Wenn wir kein Geld hatten um Leim zu kaufen, stahlen wir Benzin aus Motorrädern und inhalierten den Dunst aus alten Plastikflaschen. Je älter ich wurde desto schwieriger wurde es zu betteln. Also fing ich an, Müll zu sammeln um diesen an die Schrotthändler zu verkaufen. Außerdem schloss ich mich einer Gang an. Nachts zogen wir los und stahlen Geld, Handys, Gaszylinder und alles was wir sonst noch so finden konnten aus anderer Leute Wohnungen. Die Polizei war immer auf der Jagd nach uns, und wenn sie uns fanden schlugen sie uns zusammen.

Eines Tages hörte ich von einem Ort, an dem Straßenkinder mit Essen versorgt werden.  Ein Freund brachte mich dorthin. Ich fand heraus, dass es in der Straßen-Küche nicht nur Essen gab, sondern auch Lieder, und Geschichten über Jesus. Ich fühlte mich sicher dort und mein Herz wurde ruhiger. Jeden Rupie (Nepali Währung) den wir durch das Schrottsammeln verdienten investierten wir in Leim, so dass die Mahlzeit in der Straßen-Küche häufig unsere einzige war am Tag. Wir träumten davon, eines Tages Anführer einer richtig großen Gang zu werden und es der Polizei heimzuzahlen. Über einen langen Zeitraum ging ich regelmäßig in die Straßen-Küche. Einmal hörte ich das Gleichnis aus der Bibel vom verlorenen Sohn. Diese Geschichte hat etwas ganz tief in mir berührt. Ich wollte auch so geliebt werden, und ich begann viele Fragen zu stellen nach diesem Jesus, von dem sie sagten dass er mich liebt.

Und dann öffnete Himalayanlife die Notunterkunft, das „Indreni“, um uns Straßenjungen einen sicheren Ort zum Schlafen zu geben. Ich hörte auf Schrott zu sammeln und lernte, wie man Fahrräder repariert. Tagsüber arbeitete ich in einem kleinen Fahrradladen. Nachts schlief ich in der Notunterkunft. Von einem Tag auf den anderen hörte ich auf Leim zu schnüffeln, und auch mit dem Rauchen konnte ich aufhören. Später fing ich an in der Plastikflaschen-Recycling-Firma von Himalayanlife zu arbeiten, doch nach einigen Monaten traf ich auf einen Mann der mir vorschlug, mit ihm gemeinsam einen Fahrradladen zu starten und viel Geld zu verdienen. Entgegen aller Warnungen von Freunden kündigte ich in der Firma und zog aus dem „Indreni“ aus, um dieses Geschäft zu starten. Einige Zeit lief es auch ganz gut, doch dann verschwand der Mann plötzlich. Seine Frau tauchte im Laden auf, zusammen mit der Polizei, und ich landete im Gefängnis.

Als ich schließlich wieder draußen war, entschied ich mich, mein Leben neu zu sortieren. Ich besuchte eine 5 monatige Jüngerschaftsschule. Im Anschluss daran fing ich an, im „Indreni“ mitzuarbeiten. Ich möchte richtig lesen und schreiben lernen, in Nepali und in Englisch. Ich möchte besser werden in Unihockey, und im Gitarrenspielen auch. Ich habe nur wenig Bildung, aber dafür viel Entschlossenheit.

Seit zwei Jahren gehe ich wieder zur Schule, jeden Morgen vor der Arbeit, von 6-10 Uhr. Gemeinsam mit meinem Freund Silas habe ich vor kurzem das 9. Schuljahr geschafft.

Seit zwei Jahren arbeite ich im Mountainbike-Projekt von Himalayanlife mit. Unter anderem haben dort auch Straßenkinder die Gelegenheit zum Biken. Ich wünsche mir, dass ich durch das Mountainbike-Projekt, durch Aufmerksamkeit und Liebe dazu beitragen kann, das Leben andere Straßenjungen zu verändern, so dass sie weg kommen von den Drogen und ein glücklicheres und gesünderes Leben führen können.

 

 Pokhara, Im Frühjahr 2018; unterhalten und ins deutsche übersetzt von Katalin Geisel